In seinem Buch „Vom Neandertal in die Philharmonie – Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann“ erklärt der deutsche Musikwissenschaftler und Mediziner Eckart Altenmüller die Entstehungsgeschichte der Musik. Mit Urlauten wie dem Grunzen, Kreischen oder Ächzen konnten die Menschen vor Entwicklung der Sprache Emotionen ausdrücken. Als sie die Sprache zu ihrem Werkzeug machten, kam die Sprachmelodie hinzu, eine weitere Möglichkeit des Gefühlsausdrucks. Im Laufe der Zeit löste sich diese Melodie von der Sprache. Daraus erklärt sich auch der enge Zusammenhang zwischen Sprache und Musik. Die Sprechmelodie kann die Bedeutung eines Satzes völlig verändern, aus ihr erklärt sich für den Zuhörer, ob es sich um eine Aussage oder eine Frage handelt, sie drückt Emotionen aus. Nach dem Motto „der Ton macht die Musik“ kann ein und derselbe Satz beim Gegenüber freundlich oder aggressiv ankommen.

Für Menschen mit Höreinschränkungen ist die Prosodie, jener Teilbereich der Sprache, der sich mit Betonung, Rhythmus und Intonation, auch Sprechmelodie genannt, befasst, manchmal eine Herausforderung. Sie hören diese prosodischen Elemente mitunter nicht so deutlich. Und sie sprechen daher vielleicht mit monotoner Stimme. Doch die Musik kann einige Verbesserungen bewirken.

Eine kanadische Studie[1] an Kindern mit Cochlea Implantat untersuchte die Auswirkungen von Musikunterricht auf das Wahrnehmen von Musik und die emotionale Sprachprosodie. Eine Gruppe der 6-15-jährigen Kinder erhielt sechs Monate lang individuellen Klavierunterricht, während die zweite Gruppe individuellen Kunstunterricht bekam.

Vor, während und nach der Studie wurde getestet, wie gut die Kinder Tonleitern, Tonhöhen, Pausen, Rhythmus und Melodien erkennen konnten. Die Prosodie-Aufgaben bestanden darin, die Emotionen in einem Satz zu erkennen. Bereits während der sechsmonatigen Studienphase zeigte sich, dass sich jene Gruppe, die Einzelunterricht am Klavier nahm, Rhythmus und Melodien besser einprägte. Vor allem aber erkannte sie die emotionalen Absichten in einem Satz besser, konnte also die Satzmelodie genauer wahrnehmen. Bei den Kindern aus der Kunst-Gruppe fielen die Testergebnisse schlechter aus. Daraus schließen die Studienautoren, dass Musikunterricht das Wahrnehmen von Musik, aber auch von Gefühlen, die die Sprache vermittelt, fördert und eine ideale Ergänzung zur Rehabilitation nach einer Cochlea-Implantation darstellt.

Diese Erkenntnisse überraschen nicht. Schon viele Jahre lang beschäftigen sich Forscher mit dem Zusammenhang zwischen Musikunterricht und Sprachentwicklung und kommen immer wieder zum gleichen Ergebnis. Aktives Musizieren fördert die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern – dies gilt für normalhörende übrigens ebenso wie für Kinder mit Höreinschränkungen.

[1] Benefits of Music Training for Perception of Emotional Speech Prosody in Deaf Children With Cochlear Implants. Good A et al. Ear Hear. 2017 Jul/Aug;38(4):455-464.