Das Audioversum in Innsbruck widmet sich als Museum dem Thema Hören. Pünktlich zum Bestandsjubiläum präsentiert es eine neue Sonderausstellung, bei der die österreichische Musikszene als identitätsstiftendes Kulturelement audiovisuell erlebbar wird.

Eva Kohl

„Hast du typische Musik aus Wien für mich?“ Ayanda stand in der Küchentür und schaute mich erwartungsvoll an. Ayanda war Austauschstudentin aus Südafrika und lebte einige Monate mit uns in Wien. Zum nächsten Treffen ihrer Austausch-Organisation sollte sie ein typisches Musikstück aus der Region ihrer Gastfamilie mitbringen. Doch was ist typische Musik aus Wien?

Letztlich startete Ayanda zum Treffen mit einem USB-Stick voll mit Musiknummern, deren Texte sie trotz trefflicher Deutschkenntnisse kaum verstand: angefangen von einem Strauß-Walzer, Hermann Leopoldi und den Schrammeln, über Hans Moser, Arik Brauer und Marianne Mendt, bis zu Ambros und Nino aus Wien. Alles typische Musik, die letztlich meine persönliche Identität als Wienerin mit geprägt hat – manches davon verbunden mit persönlichen Erinnerungen.

Träume – geplatzte und wahr gewordene

„Hören ist unmittelbar mit Menschen, Orten und Räumen verbunden“, so die aktuelle Aussendung des Audioversum. Und weiter: „Die Lieder eines Landes sind entscheidend für die regionale Identität.“ Im Großen widmet sich die Ethnomusikologie der Erforschung und Lehre über die Musik verschiedener Völker. Doch solch musikalische Substrate gibt es natürlich auch im Kleinen, in einzelnen Ländern und Regionen.

Der Fotograf Lukas Maximilian Hüller setzt sich in einer inszenierten Gigapixel-Fotografie mit dem Thema auseinander. Ausgehend von hochauflösenden Fotografien bearbeitet und komponiert er diese auf digitalem Weg zu graphischen Kunstwerken. In seinen Familienszenen Staged Family wird der Einfluss eines Pieter Brueghel ebenso deutlich, wie jener Gottfried Helnweins.

Helnwein war es, der das Gemälde Nighthawks, deutsch: Nachtschwärmer, des US-amerikanischen Malers Edward Hopper modifizierte, indem er die darauf abgebildeten Personen durch Ikonen der amerikanischen Popkultur ersetzte. Inspiriert von diesem Boulevard Of Broken Dreams, deutsch: Prachtstraße der geplatzten Träume, inszeniert Hüller seine Megapixel-Fotografien Staged Art: im Herbst 2018 das Werk Staged Band. Das Szenecafé Anzengruber nahe dem Wiener Naschmarkt nützte er als Kulisse, um mehr als 60 Größen der österreichischen Musikbranche auf einem Bild zu versammlen; junge Talente und erfahrene Profis.

Hören mit allen Sinnen

Staged Band ist Teil der neuen Sonderausstellung über vertonte Fotografie im Audioversum in Innsbruck. Das Audioversum verspricht dabei ein identitätsstiftendes Bild zur österreichischen Musik-Szenerie, das in der Sonderausstellung sicht- und hörbar werde. Andere Projekte Hüllers mit Kindern in Jordanien, Libyen, Südafrika und Belgien ergänze die Ausstellung.

Am 31. Jänner 2013 öffnete das Audioversum erstmals seine Tore. Die Idee zu diesem interaktiven Museum stammte von Dr. Eckhard Schulz, dem früheren Geschäftsführer von MED-EL Deutschland. Auf 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche zeigt das Audioversum an 18 Stationen Wissenswertes über das Hören; die Dauerausstellung MED-EL World erzählt von der Entwicklung der ersten Cochlea-Implantate in Österreich und den zahlreichen Innovationen im Bereich der Hörtechnologie seither. Fotos vom Erfinder-Ehepaar Ingeborg und Erwin Hochmair dürfen da ebenso wenig fehlen, wie Laborgeräte der ersten Stunde. Workshops für Schulklassen runden das Angebot ab.

Die Sonderausstellungen der letzten Jahre behandelten spezielle Aspekte des Themas Hören oder das Hören in Relation zu anderen Sinnen: Wie Tiere hören, Faszination Farbe, Geruchswelten oder zuletzt Superhirn.

Musikalische Exponate

Musik hält nicht erst mit der vertonten Fotografie Einzug ins Audioversum. In der Hauptausstellung mutet eine Gruppe rot und blau schillernder Glasstachel wie eine Kunstinstallation an. Das zentrale Exponat stellt die künstlerisch inspirierte Nachbildung der menschlichen Haarzellen im Innenohr dar und simuliert die Auswirkung verschiedener Arten von Hörverlust auf den Klang von Musik.

Meine beiden Lieblingsexponate im Audioversum sind allerdings das Binaurale Spiel und das Akustische Labyrinth. Es sieht lustig aus, wenn die Spielenden scheinbar grundlos Haken schlagen, klatschen oder verschiedene andere Geräusche von sich geben – und mir macht es einfach Spaß zu spielen, auch noch mit meinen 50+. Beim Binauralen Spiel wird die Fähigkeit zum räumlichen Hören herausgefordert, wenn man virtuelle Vögel zu orten versucht. Das Labyrinth fasziniert mit einer Mixed Reality, in der die Wände eines Labyrinths nur dann für den Spieler sichtbar werden, wenn von ihm erzeugte Schallwellen virtuell auf die holografische Wand auftreffen. Akustisches Gedächtnis und räumliche Vorstellung sind gefragt. Beide Exponate erproben Fähigkeiten, die auch beim Musikgenuss hilfreich sind.

Mit meinen zig Besuchen bin ich schon Wiederholungstäterin im Audioversum. Trotzdem: Die SingingWall kann mit Museumsvermittlern in vollem Umfang erlebt werden, bei anderen Exponaten empfinde ich die Hilfe ortskundiger Museumsvermittler ebenfalls als hilfreich. Deswegen bevorzuge ich es, die Ausstellung im Rahmen einer Führung zu besuchen. Wenn ich am Ende des Rundgangs dann erschöpft bin, hänge ich nur kurz im Audiospace ab, zwischen Jazzmusik und Urwaldklängen. Auch ein Teil meiner Identität, aus Urzeiten?